Beziehungsmanagement: Dating- vs. Networking

Vor, während und nach der AdHoc-Gruppe „Online-Dating“ beim DGS-Kongress habe ich darüber nachgedacht, wie man die unterschiedlichen Varianten von Netzwerkplattformen systematisieren könnte. Aus dem Bauch heraus habe ich anfangs Dating-Plattformen als Sonderfall von Netzwerkplattformen aufgefasst, schließlich legen Mitglieder dort auch Profile an und kommunizieren mit anderen Nutzern. In beiden Fällen besteht eine Herausforderung des Identitätsmanagements darin, Aspekte der eigenen Person zu verschriftlichen bzw. in das Profil einzugeben. Dies geschieht zudem in beiden Fällen vor dem Hintergrund der Leiterwartung „Authentizität“, d.h. Fakes gelten in aller Regel als abweichendes Verhalten – auch wenn es knifflig im Hinblick auf die Frage wird, wo das Idealisieren der eigenen Person auffhört und wo das Faken anfängt1.

Die Unterschiede beginnen jedoch bereits bei den Nutzungsmotiven, die individuell vorliegen und sich kollektiv zu Adäquanzregeln verdichten („wozu ist eine bestimmte Plattform besonders gut geeignet?“): Bei Netzwerkplattformen steht die Beziehungspflege im Vordergrund; das dominierende Motiv ist, den Kontakt zu Freunden und Bekannten zu halten bzw. alte Bekannte wieder zu finden. Das schließt nicht aus, dass Menschen über studiVZ oder Facebook neue Kontakte knüpfen, doch es ist nicht das dominierende Nutzungsmotiv bzw. nicht die leitende Erwartung.2. Beim Online-Dating ist es dagegen das erklärte Ziel, neue Menschen kennen zu lernen – das Kennen (lernen) ausserhalb des Internets ist hier nicht Voraussetzung, sondern Folge des Beziehungsmanagements.

Um diese unterschiedlichen Ziele zu unterstützen, ist auch der Software-Code unterschiedlich gestaltet: Unterschiede äußern sich einerseits in den Feinheiten der notwendigen Profilinformationen – vor allem aber in der Art, wie mit den geknüpften sozialen Beziehungen umgegangen wird. Für Netzwerkplattformen ist es konstitutiv3, dass die eigenen Kontakte sichtbar und navigierbar gemacht werden. Besucher meines Profils können also sehen, welche anderen Nutzer ich zu meinen Freunden/Kontakten zähle, und können deren Profilseiten anklicken. Zwar bieten Facebook oder XING die Option, die Anzeige der Freundesliste zu unterdrücken; dennoch scheint man von einem „normalen“ Profil zu erwarten, dass man das jeweilige Netzwerk sehen kann.

Für Nutzer von Dating-Plattformen wären solche Funktionen dagegen hochgradig problematisch und konfliktträchtig – Nutzer mit vielen bestätigten „Kontakten“ (potenzielle oder realisierte Dates) gerieten vermutlich rasch in den Ruf, promisk, verzweifelt oder beides zu sein; ähnliches gilt wohl, wenn erkennbar würde, dass man parallel mehrere Interaktionen pflegt. Das Beziehungsgeflecht wird deswegen für den Profilbesucher auf einer Dating-Plattform nicht sichtbar gemacht; wahrnehmbar ist einzig die kommunikative Dyade, und diese auch nur für die beteiligten Personen.

Man könnte nun entsprechende Plattformen entlang der zwei Merkmale „Vorherrschendes Nutzungsmotiv“ und „Sichtbarkeit von Ego-Netzwerken“ unterscheiden; durch einfache Kreuztabellierung komme ich auf folgende Varianten:

Der Unterscheidung von boyd/Ellison folgend wären Netzwerkplattformen dann „social network sites“, Kontaktplattformen wären „social networking sites“. Aber was könnte man als Oberbegriff für diese Anwendungen wählen? Online-Communities wird zwar derzeit oft gebraucht, umfasst m.E. aber auch Foren o.ä.. Und für das Feld „Pflege bestehender Beziehungen – Netzwerk nicht sichtbar“ fällt mir im Moment kein Beispiel ein. Gibt es da eins?

  1. Ellison/Heino/Gibbs haben sich damit in einem JCMC-Aufsatz auseinander gesetzt. []
  2. boyd/Ellison wählen deswegen auch bewusst die Bezeichnung „social NETWORK site“ und nicht „social networkING site“. []
  3. Bei boyd/Ellison z.B. ist es auch in der Definition angelegt []

Kommentare

4 Kommentare zu “Beziehungsmanagement: Dating- vs. Networking”

  1. Schmidt mit Dete » Vortrag beim DGS-Kongress am Oktober 9th, 2008 1:35 am

    […] hat sich zu Wort gemeldet? Beziehungsmanagement: Dating- vs. Networking : Das neue Netz zu Vortrag beim DGS-KongressSonnenschutzfolien zu Beim Deutschlandradio – und WunschparadeMiriam […]

  2. Benedikt am Oktober 9th, 2008 9:13 am

    Hallo Jan, vielleicht passt stayfriends in dein Fragezeichenkästchen? Es müsste auch noch ein paar Alumniplattformen geben, die per definitionem für die Pflege bestehender bzw. die Reaktivierung vergessener Beziehungen gedacht sind und deshalb nicht als „durchsurfbare“ egozentrierte Netzwerke funktionieren, sondern als objektbezogene Netzwerke (z.B. Schulklassen). D.h. ich kann unter Umständen sehen, wer alles in einer Schulklasse war, aber nicht, wen ein Freund von mir alles als Kontakt eingetragen hat.

  3. Arbeit wieder aufgenommen… : Das neue Netz am Oktober 30th, 2008 1:12 am

    […] noch in einem Notizbuch auf das Übertragen warten. Darunter sind, neben den bereits gebloggten Überlegungen zu Netzwerkplattformen, beispielsweise Gedanken zum produsage-Konzept von Axel Bruns oder zu den politischen und […]

  4. Stephan am November 28th, 2008 10:24 pm

    Hallo,
    stolpere gerade in einer anderen Plattform-Frage über diesen Beitrag und möchte doch wenigstens kurz zwei weitere Gedanken hier lassen.

    1. Die beiden Plattformen unterscheiden sich aus meiner Sicht noch basaler voneinander: Während bei der Networking-Plattform das Networking selbst das (soziale) Kapital darstellt, besteht der Hauptvektor der Datingplattform darin, eine möglichst breite Basis an Profilen zu haben. So reicht bei einer NW-PF nicht aus, dass dieses viele Nutzer hat – die aber nicht miteinander kommunizieren. Bei der Dating-PF hingegen wäre es für den Betreiber geradezu geschäftsschädigend, wenn dort nur wenige Teilnehmer existieren, die aber untereinander stark vernetzt sind.

    2. Auch die Zielrichtung der Profile ist unterscheidsam: Während der Networker vor allem auf seine mittel- und langfristige Reputation baut und so (wiederkehrende) kommunikative Kontakte verdeutlicht, ist das Dating-Profil doch vor allem auf „das erste Date“ ausgelegt. Wenn die beiden Partner sich dann nicht riechen können, wird der soziale Kontakt hier nicht verstetigt.

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