Informationsmanagement in Wikis und Bookmark-Systemen

Vergangene Woche habe ich beim Workshop „Im Netz der Dienstleistungen“ einen Vortrag über „Enzyklopädien des 21. Jahrhunderts“ gehalten, in dem ich Wikipedia und Verschlagwortungssystemen als innovative Formen beschrieben habe, im Internet Wissen zu sammeln und zu organisieren. Die einschlägige Literatur zu Tagging-Systemen hatte ich mit meiner studentischen Mitarbeiterin Julia Gutjahr schon für die Expertise „Themenscan im Internet“ aufgearbeitet; für den Vortrag konnte ich jetzt auch einiges an Literatur zur Wikipedia nochmal sichten, um es dann auch für das Buch zu verwenden.

Dies umfasst zum einen grundlegende Informationen zur Entstehung und zum Gebrauch der Wikipedia, vor allem aber drei Varianten, wie die Dynamik der kollaborativen Erstellung einer Online-Enzyklopädie untersucht wird:

Gibt es noch Varianten, die ich nicht berücksichtigt habe?

Routinen, Gewohnheiten und *-management

Bei der Arbeit am Kapitel zu den praxistheoretischen Grundlagen für meine Analysen bin ich auf einen Punkt gestoßen, der mir im Moment noch etwas zu schaffen macht, weil er sich letzlich auch auf meine Unterscheidung der Handlungskomponenten des Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagements auswirkt.

Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass Praktiken repetitive Handlungsmuster darstellen; diese Handlungsmuster können aber unterschiedlich ‚fundiert‘ sein: Einerseits kann es sich um Wiederholungen von Handlungen handeln, denen zumindest zu Beginn bestimmte bewusste Reflexionen zugrundelagen; die Routinisierung dient dann gerade dazu, diese Reflexion nicht wieder und wieder vornehmen zu müssen, wirkt also entlastend und komplexitätsreduzierend. Andererseits kann es sich um Wiederholungen von Handlungen handeln, die nie wirklich reflektiert wurden, sondern eher einem von vorneherein unbewusst ausgeübten Tun entsprechen (bei Bourdieu wären das ‚Ergebnisse‘ des Habitus).

In diesem Zusammenhang finde ich den Gedanken von Bongaerts1 hilfreich, der zwischen Routinen und Gewohnheiten unterscheidet:

„Es lässt sich leicht festhalten, dass ‚Routine‘ offenkundig ein ursprünglich bewusst trainiertes Handeln bezeichnet, während ‚Gewohnheiten‘ ihrem Bedeutungsgehalt nach auch und gerade auf der Aneignung von Verhaltensweisen beruhen, die nicht das Bewusstsein im Sinne eines Entwurfs, Ziels oder Plans durchlaufen haben müssen, die also auch nicht die Form propositionalen Wissens annehmen müssen.“ (S. 256).

Ich habe bisher zur Kennzeichnung von Praktiken, insbesondere ihres regelhaften Charakters immer gerne den Begriff der Routine in Kombination mit Erwartungen kommunikativer Gegenüber (ob nun in Form personalisierter oder generalisierter Anderer) gebraucht. Im Begriff des (Identitäts-, Beziehungs-, Informations-)Managements klingt ja auch an, dass hier bestimmte ‚Techniken‘ angewandt werden – zwar nicht unbedingt im Sinn des immer-rational-Geplanten2 aber zumindest im Sinne des bewussten Gestaltens: Networking auf XING, das Ausfüllen eines Profils auf wer-kennt-wen, die Produktion eines Videos für YouTube, das Einfügen von [via]-Links in einem Blogeintrag wären solche Beispiele.

Was ich mich nun frage: Kann man im Id.-, Bez.- und Inf.-Management der vernetzten Öffentlichkeiten des neuen Netzes neben Routinen auch Gewohnheiten entdecken, im oben genannten Sinn von vor- oder unbewussten Verhaltensweisen? Was könnten hierfür Beispiele sein?

  1. Bongaerts, Gregor (2007): Soziale Praxis und Verhalten – Überlegungen zum Practice Turn in Social Theory. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 36, Nr. 4, 2007. S. 246-260. []
  2. Das ist angesichts von Handlungsketten und Folgewirkungen, die für Einzelnen rasch unüberschaubar werden, auch eine illusorische Annahme. []